Zähne aus Stammzellen?
Genetik statt Prothetik?
Forscher verschiedener Länder arbeiten an Zahnersatz aus Stammzellen. Handelt es sich hier um einen realistischen Ausblick für die nächsten Jahre?
Hier finden Sie einen kurzen Überblick über das Prinzip und die Aktivitäten der Wissenschaftler:
Die Idee dahinter ist einfach – man nehme Stammzellen, die als Alleskönner unter den Zellen unterschiedliche Gewebetypen ausbilden können, und züchtet sie zu Zähnen heran.
Dazu stellen sich zwei Fragen.
Erstens: Wo bekommt man die richtigen Stammzellen her?
Und zweitens: Wo lässt man sie dann zum gewünschten Zahn heranwachsen – inner- oder außerhalb des Kiefers?
Japanischen Forschern ist es bereits gelungen, aus den Stammzellen von Mäuseembryonen komplette Zähne zu gewinnen und sie dann erwachsenen Mäusen einzupflanzen. Aber: In Deutschland ist es verboten, menschliche Embryonen für Forschungs- oder Therapiezwecke herzustellen und als Stammzellenreservoir zu nutzen.
Als Alternative bleiben die sog. adulten Stammzellen.
Sie besitzen aber weniger Möglichkeiten zur Selbsterneuerung und sind nicht so vielseitig. Dass man mit diesen Zellen durchaus die Basis für neue Zähne schaffen kann, zeigt eine Studie von Songlin Wang von der University of Southern California. Wang liess beim Schwein eine neue Zahnwurzel wachsen, die dann mit einer Krone versorgt wurde. Die neue Wurzel war jedoch nicht voll belastbar.
In Frankreich arbeiten Forscher derzeit daran, Zähne aus den Stammzellen des Rückenmarks zu züchten sowie in Japan aus Zellen der Haut. Diese Zähne waren aber kleiner und erinnerten an ein Milchgebiss. Ausserdem konnte kein Einfluss auf die Zahnform genommen werden, die je nach Lage des Zahnes grundverschieden ist. In Lyon und Tokio ist man der Meinung, dass es sinnvoll sein könnte, die Zahnkeime direkt im Zielkiefer wachsen zu lassen, statt in einer Nährlösung.
Dazu steuert die Columbia University eine potentielle Lösung bei, indem sie den Stammzellen direkt bei der Transplantation ein gut verträgliches Gerüst mitgibt, dass die Zahnform vorgibt: das Scaffold-Gerüst.
Unabhängig davon sehen die Wissenschaftler den Zeitpunkt für die Praxistauglichkeit in frühestens 10 Jahren.
Aus Sicht des Zahnarztes stellen sich natürlich weitere Fragen, die den Genetiker nur am Rande interessieren.
- Wie kommt der Stammzellen-Zahn – wenn er denn die richtige Form hat – an genau die richtige Stelle? Muss er kieferorthopädisch dorthin gerückt werden oder findet er auf mysteriöse Art seinen Weg allein?
- Warum ging der Zahn verloren? Nach einem Zahnverlust durch Karies könnte ein Genetik-Zahn implantiert werden. Aber was ist, wenn der Zahn durch ein Trauma oder Parodontitis verloren gegangen ist oder die Lücke schon länger besteht? Dann fehlt nicht nur der Zahn, sondern auch jede Menge Knochen. Wäre die Anwendung gezüchteter Zahnkeime demnach auf die Knochenbereiche limitiert, die sich noch im jugendlichen Zustand befinden?
- Wieso jubeln die Medien darüber, dass mit dieser Technik jede Menge Geld gespart werden könnte? Selbst wenn keine weiteren Massnahmen an den Zukunftszähnen notwendig wären, überstiegen die Kosten für Entnahme, Zucht, Scaffold und Implantation jede heutige Zahnersatzmassnahme sicherlich bei weitem.

